Xenophobie

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Gefunden in der Theobaldgasse,1060 Wien
Gefunden in der Theobaldgasse,1060 Wien

Das Thema Flüchtlinge wühlt auf: Die Menschen die ich kenne sind inspiriert zu helfen und tun das auch. Viele Menschen aber (verfolgt man beispielsweise facebook-Kommentare – zum Glück bin ich nicht bei facebook) fühlen sich anscheinend bedroht und zu Hasstiraden und zu Hetze gegen Flüchtlinge berufen.

Aus seit lange gegebenem Interesse und aus aktuellem Anlass habe ich Ruth Kronsteiners Buch Kultur und Migration in der Psychotherapie – Ethnologische Aspekte psychoanalytischer und systemischer Therapie¹ gelesen. Zwar schon von 2003 ist es gerade wieder und immer noch genauso hochaktuell.

Ruth Kronsteiner beschreibt die Xenophobie darin als das, was sie ist: eine Krankheit. Und sie legt deren Hintergründe dar: Die abgespaltenen aggressiven Impulse können an den entwerteten, entmenschlichten Fremden ohne Schuld ausagiert werden. Negative, abgelehnte oder unerträgliche Selbstanteile werden externalisiert, auf das Fremde projiziert. Dies schützt vor der notwendigen Auseinandersetzung mit den fremden, destruktiven Anteilen im Selbst und erleichtert die Errichtung einer reinen “…sauberen narzisstischen Welt.” (Auchter 1993: 226). An dem Fremden können die abgelehnten Selbstanteile projektiv bearbeitet werden, dabei entsteht der Sündenbock, also jener Bock, dem man die eigneen Sünden auflädt und dann weg schickt. Das aktive Vorgehen gegen Fremde, oder wer dafür gehalten wird, vertuscht die passiv erlebte Hilflosigkeit und Ohnmacht. Xenophobe Menschen fügen die selbst erlebten narzisstischen Kränkungen, Demütigungen, Beschämungen, die erlebte Gewalt vermeintlich Schwächeren zu, um diese nun ebenfalls klein zu machen. Dies bedeutet, dass die Gewalt, die Fremden angetan wird, die Vollziehenden selbst erlebt haben. Auch hier sind oft die traumatische, verleugnete Gewalt und die fehlende Trauerarbeit der vorgehenden Generationen die Wurzeln des Problems. Auch die Gewalt des Nationalsozialismus, die Kränkung des “verlorenen” Krieges wurde in Österreich nicht ausreichend betrauert und somit sind die damit verbundenen Gefühle (Wut, Schuld etc.) unbewusst geworden. Der Augang des Zweiten Weltkrieges war für die VerliererInnen traurig und kränkend, auch traumatisierend. Dies wird oft abgewehrt und es häuft sich seit über 50 Jahren massiver Sprengstoff an. (…) das Zusammentreffen mit ArbeitsmigrantInnen löst bei den Aufnehmenden Identitätskrisen aus und Angst um die eigene unsichere Identität. Diese Angst um die eigenen Identität und das fragmentierte Selbstwertgefühl sind die Grundlagen starker Abgrenzung gegenüber anderen. Auch die Angst, das mühsam Erwirtschaftete nicht in Ruhe und alleine genießen zu können, die Angst, dass die Fremden einem etwas wegnehmen könnten, deutet auf unreflektierte Gefühle wie Neid, Gier, Verfolgungsängste hin.”¹

Die Frage bleibt bestehen: Wie kann man die, die gegen Flüchtlinge hetzen, an Bord holen? Wie kann man die “kochende Volksseele” umlenken in etwas Konstruktives? Wie kann man auch diese Menschen abholen in ihrer Angst, in ihrem unterentwickelten Selbstbild? Ist das überhaupt möglich? Das Flüchtlingsthema wirkt offenbar ganz stark spaltend. Und diese Spaltung bringt nichts. Die Menschen werden flüchten, sie werden versuchen ihr Leben zu retten, das ist ganz klar. Die Spaltung bringt nichts, außer dass sich so eine Phobie, eine Angst ganz wunderbar von Politikern ausschlachten und für ihre Zwecke einspannen lässt.

Ich finde es ein gesellschaftspolitisches Muss, auch darüber nachzudenken. Doch warum ist es so, dass die Wissenschaft bei gesellschaftspolitischen Themen nicht mitreden darf, bzw nicht gehört wird? Namentlich die Psychologie bei der Erklärung der Xenophobie und bei der Frage, was löst der Flüchtlingsstrom aus und wie kann man mit diesen Gefühlen umgehen? (Oder aber auch – anderes Thema: Ich denke an eine Sitzung zum Thema Künstlersozialversicherung, bei der den PolitikerInnen eine Studie zur präkeren Lage der Künstler in Österreich – ein Land, wohlgemerkt, das von seiner Kunst und seiner Kultur lebt und nicht davon, dass es dem Libro gut geht, um einen Kommentar von Erwin Wurm ( in “Kultur – za was brauch ma des? Kann ma des essen?”) zu zitieren – präsentierten, das von den PolitikerInnen einfach ignoriert wurde.) Den PolitikerInnen scheinen die wissenschaftlichen Erkenntnisse egal zu sein. Vielleicht liegt es daran, dass Wissenschaftsmenschen und Politikmenschen so gänzlich unterschiedlich sind und vor allem so unterschiedliche Agendas haben? Die “wissenschaftsfeindliche Öffentlichkeit” empfindet sie als Angriff, als zu abgehoben? Stimmt das wirklich und kann man da gar nichts tun?

Kronsteiner sagt dazu: “Als Psychotherapeutin unterstütze ich die Leidenden mittels bestimmter Techniken, sich Unbewusstes bewusst zu machen und somit zu einer alternativen, passenden Konfliktlösung zu gelangen. In Bezug auf mein Thema bedeutet dies, herauszufinden welche Motive und Mechanismen der Xenophobie zugrunde liegen und der Verarbeitung derselben bei Aunehmenden und Zuwanderen Aufmerksamkeit zu schenken. Ideologien helfen mit Ängsten umzugehen. PolitikerInnen bedienen sich gerne derselben, um Ängste in ihnen gefällige Richtungen zu lenken“.¹

Und weiter fragt sie: “Welche Möglichkeiten stehen einer Gesellschaft kulturell zur Verfügung eine solche Vergangenheit zu bewältigen, ohne geschlossen in Psychotherapie gehen zu müssen? Es müsste sich dabei um kulturelle Fertigkeiten handeln, die ein indirektes Kommunizieren über den Konflikt und die damit verbundenen Gefühle ermöglichen, die dem Schweigen, der Unbewusstmachung der Geschichte, der Schaffung und Verbreitung von rechten Mythen etwas Grundlegendes, allen Zugängliches entgegenhalten, das die unbewusste Weitergabe an die nächste Generation beendet.”¹

Ich fand die Lektüre wichtig, bereichernd, Verständnis erweiternd, auch erschütternd. Die Autorin ist Ethnologin und psychoanalytische und systemische Psychotherapeutin und arbeitet in ihrer Praxis und in einem Therapiezentrum hauptsächlich mit MigrantInnen. Man kann sich an diesem Buch stoßen (an den oft endlos lang erscheinenden Wortdefinitionsverhandlungen, Kathegorisierungen), man kann berührt sein (von den Fallbesprechungen in denen viel Leidenschaft, Liebe und Interesse für die KlientInnen mitschwingt) und man kann sich – als KunsttherapeutIn –  fragen: Was ist die kunsttherapeutische Position? Wie würde sich kunsttherapeutische Arbeit mit MigrantInnen von der in diesem Buch vorgestellten unterscheiden? Wo sind Ähnlichkeiten, wo sieht man die Dinge komplett anders?

Dazu demnächst in einem eigenen Artikel.


¹ Kronsteiner, Ruth: Kultur und Migration in der Psychotherapie – Ethnologische Aspekte psychoananlytischer und systhemischer Therapie. 1. Auflage 2003 Bamberg: Brandes & Apsel Verlag GmbH.
Das Zitat im zitierten Text stammt aus: Auchter, Thomas: Die seelische Krankheit “Fremdenfeindlichkeit”. In: Streek, U. (Hg.): Das Fremde in der Psychoanalyse. Erkundungen. München 1993.

 

 

 

 

Eine Antwort

  1. […] meinem letzten Beitrag habe ich mich mit Xenophobie beschäftigt, angeregt durch die Lektüre von Ruth Kronsteiners Buch […]

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