Kunsttherapie mit Kindern

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Kunsttherapie mit Kindern

Ich arbeite seit 2016 hauptsächlich mit kleinen Klienten. Erst in Zusammenarbeit mit der Caritas mit geflüchteten Kindern und seit 2018 als Kunsttherapeutin für den Verein Wiener Frauenhäuser mit Kindern und Jugendlichen, die Zeugen und/oder Opfer von Gewalt waren. Ich bin immer wieder aufs Neue berührt von der Resilienz der Kinder, von der unbeugsamen Stärke und Klugheit ihrer Lebensbewegung (die sich instinktiv dem Wachsen, der Sonne, der Liebe zuwendet). Ich bin begeistert von ihrer Ausstrahlung und ihrer Stärke. Gemeinsam transformieren wir jedesmal Angst in Energie.

Das Geschenk der Kinder – so wir es anzunehmen wissen – ist, dass sie uns ganz in die Präsenz zwingen. Das ist der Ort, an dem sie zuhause sind. Für uns Erwachsene ist es ganz schön anstrengend, sich an diesem “Ort” aufzuhalten. Um wieder Zugang zu ihm zu finden, müssen wir uns ein Stück weit auf ihre, auf die kindliche Ebene begeben, mit ihren Augen sehen. Der heilsame Zustand, den ich herzustellen suche, ist der eines Flows, ein Zustand des Fließens: um ihn zu ermöglichen, ist es meine Aufgabe eine Atmosphäre zu schaffen, in der mir die Kinder vertrauen, das sie einfach sein können, sich zeigen können, so wie sie sind. Je nach Bedürfnis des Kindes biete ich ihm entsprechende Materialien an: Wasserfarben, Temperafarben, Farbstifte, Ölkreiden, Plastelin,… Jedes Material ermöglicht eine andere Ausdrucksweise, jeder Stift, jede Farbe ist eine Sprache. In dieser Atmosphäre ist eine freudvolle Konzentration möglich, aus der heraus authentische Gestaltungen entstehen können.

Zwischenraumbilder

Um zu zeigen, wie man bestimmte Stifte und Farben verwenden kann, zeichne/male ich manchmal auch. Aber hauptsächlich, um das Eis zu brechen, um dem/der kleinen, neuen Klient*in die Nervosität zu nehmen und um ihm/ihr zu zeigen, was alles möglich ist. Dass man nicht “schön” und brav malen muss. Dass man noch nicht einmal wissen muss, was am Ende dabei herauskommt. Dass es sich verändern darf. Für manche Klient*in ist das ganz intuitiv und selbstverständlich. Andere sind erst befangener und finden es angenehmer, wenn ich auch male, dann fühlen sie sich weniger beobachtet.

Und last but not least ist es ein Kontakt herstellen über das Bild, ein Sprechen von Bild zu Bild. Hierbei habe ich erkannt, dass ich in diesen Bildern, die in dem kunsttherapeutischen Setting entstehen, ganz offen bin für die Energie des Gegenübers und dabei sehr viel intuitive Information einfange. So habe ich diese Bilder Zwischenraumbilder genannt. Dieser Begriff stammt von mir und erklärt gleichzeitig meine Arbeitsweise.

Beispiele aus der Praxis

Ein Mädchen, nennen wir sie Mina, 5 Jahre alt:

Die Kacke ist am Dampfen

Mina traut sich anfangs wenig zu, sie kompensiert ihre Nervosität sehr schlau mit Bestimmtheit, indem sie verlangt, dass ich auch male. Dann fühlt sie sich weniger beobachtet. Ihre mangelnden Deutschkenntnisse kompensiert sie mit exaltierter Mimik und lauter Stimme. Schon beim zweiten Mal fühlt sie sich viel lockerer, traut sich zunehmend mehr zu. Es ist für sie ein kathartischer Prozess: sie schimpft viel beim Malen, Kacka-Pipi-Humor, eh altersentsprechend. Es muss viel raus aus ihr. Sie malt dampfende Kacke.

Aus meinem Zwischenraumbild wird ein gemeinsames Bild: ich male Herzen, sie malt Gesichter hinein, lächelnde, traurige. Mit schwarz. Naß in naß, die Augen zerrinnen. Die Münder zerrinnen. Große, erschrockene Augen und Münder schließlich. Dann setzt sie mit rot Blutstropfen hinein, stößt Augen aus, übermalt ein Herz ganz mit rot, löscht es aus, streicht die anderen Herzen mit Blut durch, beziehungsweise verbindet sie mit roten Strichen. Darunter malt sie selbst ein Herz mit einem Messer in der Hand, das alle anderen Herzen abgeschlachtet hat. Selbstwirksamkeit. 

Immer gibt es etwas Liebliches, Süßes und gleichzeitig Grausliches und Abgründiges in ihren Gestaltungen. Eine Mamafigur und eine Tochterfigur.

Ihre Bilder sind Geschichten, beim Gestalten schimpft sie viel, beschimpft mich auch, “Kasperl!”, “Ja, Kasperl” sagt sie zu mir. Und wir lachen sehr viel. Für sie ist es ein befreiender Prozess, indem sie sich von mir gesehen fühlt, als “gleichwürdig” (genialer Begriff von Jesper Juul) wahrgenommen, sie darf sich zeigen, ich verstehe sie, ich lache mit ihr. Ihre Bilder werden konsistenter, präsenter – mehr Selbstsicherheit.

Verwandlung

Ein Bub, nennen wir ihn Sascha, 10 Jahre alt, beginnt die Stunde damit, zu fragen, ob ich etwas für die Ukraine gespendet hätte. Aha, Krieg ist also Thema. Und unser Gefühl der Hilflosigkeit dabei. Und was man tun kann um sich weniger dieser Hilflosigkeit und Angst ausgesetzt zu fühlen. Wenn auch nur im Kleinen. An Hilfsorganisationen spenden. Wieviel Medienkonsum ist zuviel etc. Er ist inspiriert von einem Bild, das noch von der vorhergehenden Session zum Trocknen am Boden liegt. Er möchte einen Wald malen. Seine Bäume sehen aus wie Atombomben. Er malt mit Temperafarben, er übermalt die Bäume, er bringt mit der Walze Farbschicht über Farbschicht auf. Er mischt alle Farben auf seiner Palette. Heraus kommt ein schlammiges Grün. Wie Nebel im Zauberwald, sage ich. Da er so dick Farbe aufgetragen hat, erkläre ich ihm die Möglichkeit/Technik mit dem Pinselstil in die Farbe hineinzuzeichnen. Er zeichnet drei Bäume, die wiederum aussehen wie Atombomben. Dazu einen Menschen, der Mensch wird ein Alien mit übergroßem Kopf. Jetzt ist es endgültig gruselig, befindet er. Dann hat er einen genialen Einfall: er zeichnet eine Sprechblase, da hinein schreibt er: “Ich bin für euch da”. Der Mensch wird zum “Alien-Hero”, so nennt er sein Bild.

Sternenzauberin

Nennen wir sie Leila. Sie beeindruckt mich schon in der ersten Stunde mit ihrer Intuion und Sicherheit. Sie malt mit Temperafarben (das ist total ihr Ding) sehr abstrahiert 3 Jahreszeiten: Sommer, Herbst und Winter. Ganz intuitiv und selbstsicher ist sie dabei. Man kann die Jahreszeiten richtiggehend fühlen. Sie ist 8. Es ist eigentlich überraschend. Es ist gut für sie, dass sie allein kommen kann, fühle ich, dass ihre kleine Schwester nicht dabei ist. Endlich einmal Raum nur für sie.

Beim nächsten Mal passiert es wieder so, dass ihre kleine Schwester nicht da ist, nach anfänglicher Unruhe kann sie es akzeptieren und ich möchte auch keine Zeit mehr auf die Suche nach der kleinen Schwester verwenden und sie kann sich konzentrieren. Sie will, dass ich auch male: wie schon in unserer ersten Session male ich ein Bild, das von ihr inspiriert ist. Das ist sie, wie sie mit ihrer Hand Sterne erschafft, erkläre ich ihr später. Ich erfasse also ihre große Selbstwirksamkeit, ihren Ingenuität.

Sie bemalt ihre Hände, macht 2 Abdrücke, malt an ihnen weiter, dann noch 3 Sterne dazu. Als ich das Bild später betrachte berührt mich seine Poesie. Und die Synchronizität: wir haben beide Sterne gemalt. Die heute angebotenen Wasserfarben reichen ihr nicht, peu a peu nimmt sie Temperafarben dazu. Sie weiß schon, was sie braucht. Ihr Selbstbewusstsein!

Das zweite Bild: faszinierend, wie es entsteht. Sie malt schnell und weiß auch zu Beginn noch nicht, was es werden wird. Was entsteht ist unter Wasser: ein Oktopus, dazu Muschelfreunde. Zum Schluss zieht sie die Linie, die Wasser und Himmel trennt. Sie malt teilweise mit ihren Fingern, sie ist sehr nah dran an ihrem Thema/Innenleben/Gefühlen/Reichtum. Zufrieden sieht er aus, der Oktopus, geborgen und neugierig.

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