Krankheit als Gestaltung

with Keine Kommentare

Der strenge Iyengar sagt “Krankheit ist unreligiös¹”. Das ist mir zu radikal. Ich finde, Krankheit ist eine Möglichkeit, etwas zu erkennen.
Ich beobachte vielerorts um mich und bei mir die fragwürdige Praxis, auch krank arbeiten zu gehen (aus Angst den Job zu verlieren, als Tachinierer zu gelten, als derjenige, der im Stich läßt, als faul, aus Angst, etwas zu versäumen) und auch noch stolz darauf zu sein, krank arbeiten zu gehen. Erstens steckt man so andere an und zweitens überfährt man so auf lange Sicht den eigenen Körper. Indem man seine Versuche zu kommunizieren systematisch überhört, muss er sich immer stärkere Signale (=>Krankheitssymptome) überlegen.

Jede Krankheit hat ein Thema. Aus jeder Krankheit kann man, wenn man sich darauf einläßt, ein Stück weiser auftauchen. Letztlich ergab es sich, dass ich meinen Tagen des Krankseins Titel gab, somit Themen. Ich benannte sie wie ein Werk, wie eine Gestaltung, wie ein Durchgemachtes – was sie ja auch waren. Der “Arbeitstitel” des ersten Krankseins “Selbsterweiterung” ergab sich aus einem Text, den ich tatsächlich während dieser Tage schreiben musste. Und der schlußendliche Titel  – Beobachter und zu Beobachtendes wurden eins – hieß: “Von der Unabdingbarkeit des Verlierens für das Finden”. In diesem Prozess ging es um ein Wiederfinden meiner Sprache, die mir kurzfristig in der Vielzahl der Stimmen abhanden gekommen war. Es war nicht nur ein Wiederfinden meiner Sprache, sie ging gestärkt und selbstbewusster aus diesem Prozess hervor. Meine ureigene Sprache wurde in ihrer Ureigenheit und der Wichtigkeit derselben bestätigt.
Damals noch ganz abstrakt.
In meinem zweiten Kranksein – kurz danach – verlor ich tatsächlich meine Stimme – ich konnte zwei Tage lang nicht sprechen. Das Thema dieser Tage war: “Existenzangst”. Die wunderschöne Synchronizität darin war ein Skript über Hatenas (Yogaübungen zur Vergrößerung des Lungenvolumens), das ich in die Hände bekam. Und – in der Meditation – die Entdeckung der Farbe orange. Sie war meine Begleiterin, meine Hilfe auf dem Weg dahin, mich mir wieder gesund vorzustellen, wieder Sonne, LIcht, Wärme, Lebensfreude, Sinnlichkeit, Genuß zu ahnen.

Welchen “Arbeitstitel” und welchen letztendlichen Titel hat deine Krankheit?

¹B.K.S. Iyengar: “Der Baum des Yoga”. (Deutsche Ausgabe vergriffen. Noch erhältlich ist die englische Ausgabe “The Tree of Yoga”.)

Deine Gedanken zu diesem Thema