Fruchtbarkeitsgöttchen – Inanna – Gilgamesch – Entmündigung als Schwangere – Mythen lange vor der Bibel – Matriarchat – Traum von den Dornen

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[Fruchtbarkeitsgöttinnen – Palazzo Fortuny, Venedig 2017]

 

Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass mir bei der diesjährigen Biennale Arte in Venedig oftmals Fruchtbarkeitsgöttinnen auffielen: Teilweise 6000, 7000 Jahre alte Göttinnenskulpturen (im Palazzo Fortuny – großartige, schwerst empfehlenswerte Venue) und im Irakischen Pavillion. Was daran fasziniert ist ein völlig anderes Selbstverständnis, ein völlig anderes weibliches Selbstverständnis, das nach Jahrtausenden der Unterdrückung des Weiblichen nur mehr ahnbar ist wie ein mythisches Land, in Träumen sich zeigend, in Hinweisen da und dort wie eben partikelweise gespeichert in rätselhaften Skulpturen, die Ruhe ausstrahlen und verkörpertes Wissen und verkörperte Kraft – ja, verkörperte Macht.

Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass ich jetzt in dieser Situation – Schwangerschaft – wieder zu dem Buch “Inanna – Gilgamesch – Isis – Rhea – Die großen Göttinnenmythen Sumers, Ägyptens und Griechenlands neu erzählt von Heide Göttner-Abendroth” ¹ greife.

Ich erlebe diese Monate oft als eine Entmündigung seitens der Ärzte und Krankenhäuser, niemand fragt mich, jeder weiß alles besser, einander widersprechende Meinungen rund um mich, die es mir schwer machen, meine eigene zu finden, mir wird Angst gemacht, ich werde eingeschüchtert, ich werde zum Weinen gebracht. Doch kann Schwangerschaft, so ahne ich, ganz anders erlebt werden – und sie sind auch da: diese Momente der Innigkeit, der Faszination, der freudvoll erlebten Transformation; eine Art beobachtende, unbeeindruckbare Ruhe (gleichzeitig zu einer noch größeren Emotionalität, Gerührtheit, die ich aber nicht als schlimm empfinde) die die Dinge und Menschen und Wertigkeiten neu sieht.

Wieder Kraft bekomme ich durch Bewegung (Tanz, Schwangerschaftsyoga), wieder Vertrauen in meine Intuition bekomme ich in meinen Träumen, bzw in der (kunsttherapeutischen) Beschäftigung mit diesen. Die Sehnsucht nach einem Anzapfen an eine archaische weibliche Kraft und Schönheit stille ich mit diesem Buch über frühe Göttinnenmythen dieser Matriarchatsforscherin. Ich finde diese Mythen unendlich inspirierend. Ich möchte einen Trickfilm darüber machen – viel zuwenig bekannt sind sie, nur die späteren Umdeutungen – schon aus einer patriarchelen Welt gesehen – wie in der Bibel kennen wir.

Dazu noch ein Traum aus Tagen (und Nächten) in denen ich Angst habe vor einem Kaiserschnitt wegen Beckenendlage:

Ein Freund steht in der Eingangstür zu unserer Wohnung um mich abzuholen gemeinsam Fortzugehen, trinken, reden. Ich bemerke Dornen in meinem Kleid, große Dornen. Das ärgert mich. Ich führe es erst (im Traum und im Aufwachen) auf eine Eigenschaft dieses Freundes zurück, die mich nervt: Er greift beim Reden immer zu stark in meinen Raum ein – physisch, mit seinen Händen, gestikulierend ist er mir näher als ich mich damit wohlfühlen würde, das hat zur Folge, das ein Teil von mir im Gespräch mit ihm immer achtsam ist und ich meine Hände vor Brust und Bauch in der Luft halte, wie um diese Grenze zu beschützen – was anstrengend ist. Erst beim Aufschreiben des Traumes wird mir klar: Die Dornen (ca. 3 cm lang) stecken verkehrt herum in meinem Kleid. Das Köpfchen steckt im Kleid fest, die Stacheln zeigen nach außen. Im Traum bin ich genervt davon, die einzelnen Dornen aus dem Kleid herauskletzeln zu müssen. Beim Aufschreiben des Traumes erinnere ich mich an meine Faszination dabei, dass dem feinen Stoff des Kleides nichts passiert, dass er sich, sobald das Köpfchen des Dorns herausgezogen ist, einfach wieder zusammenzieht, unverletzt bleibt.

Wie die Dinge zueinander sprechen, einander durchdringen, die Sprachen der alten Mythen, der Formen der Fruchtbarkeitsgöttinnen, der Bilder der Träume, … dem nachzugehen ist definitiv lohnenswert für mich.

 

 

¹”Inanna – Gilgamesch – Isis – Rhea – Die großen Göttinnenmythen Sumers, Ägyptens und Griechenlands neu erzählt von Heide Göttner-Abendroth”, Ulrike Helmer Verlag, 2004, Königstein/Taunus

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