Die Nachbarn von Schönheit kennenlernen: Teil II: Anmut

with 1 Kommentar

Teil VIII des Freitags-Mini-Seminars zum Thema Schönheit 

[Kleine Hummel starb äußerst anmutig und ein reizvolles Stillleben bildend auf einem roten Tablett mit Bergkristall.] 
 
Anmut also. Anmut ist die Schönheit für Andere. Die Schönheit der Achtsamkeit. Die Schönheit der Rücksichtnahme. Die Schönheit des Nicht-Nervens. Die Schönheit des geschmeidigen Einfügens in die Umgebung. Die Schönheit der Bewegung. Elegant, nicht aneckend, nicht nervend, nicht störend, das Auge erfreuend.

 

Im chinesischen 5000 Jahre alten “Buch der Wandlungen” I-Ching gibt es das Bild der Anmut. Es ist kein besonders förderlicher oder wünschenswerter Zustand für denjenigen, der das I-Ching als Orakel befragt und diese Antwort bekommt. Anmut hat viel mit Hemmung zu tun. Gehemmte Schönheit; Schönheit, die durch Hemmung entsteht. Vielleicht schön anzusehen für den Betrachter, aber zu hohem Preis für das Objekt, das Schönheit ausführende Objekt. Mir fallen kleingeschnürte, antik-chinesische Mädchenfüßchen ein – Verkrüppelung der Preis für ihre Zierlichkeit. Mir fällt das Fortbewegen im Tokyioter U-Bahn System ein, jede Bewegung aufeinander abgestimmt – ein Ballett der Tausenden. Ein Ballett der Unmöglichkeit, nur durch äußerste Rücksichtnahme und elegante Schnelligkeit möglich. Westliche Ellbogentechnik würde da spießen und nicht weit kommen. Ein verlorener Schuh wird zermalmt und kommt nie wieder zum Vorschein.

 

Anmut ist sich des äußeren Blicks bewusst. Anmut ist sich stets bewusst, dass sie beobachtet wird. Anmut ist der Satz meines Vaters im Kopf, dass die vollendet Erzogene sich auch dann beim Gähnen die Hand vor den Mund hält, wenn sie allein im Auto sitzt. Anmut will gefallen. Aber nicht so plump und Komplimente haschend wie Koketterie. Ich würde sagen: Anmut ist Wabi-sabi¹, ist östliche Ästhetik, Koketterie ist westliche Ästhetik. Anmut ist still, sich selbt genug, internalisiert – Koketterie ist Show, ist eine Vorführung für das Gegenüber.

 

Wie kann sich nun die Muse befreien? Objekt sein allein bringt sie nicht weiter. Wie kann Anmut sich selbst Gutes tun, ohne dabei das zu verlieren, was ihr wichtig ist? Ungelöste Frage, die, so scheint mir, in Comic- oder Bilderbuchform weitererzählt werden möchte.

 

¹ Wabi-sabi is the quintessential Japanese aesthetic. 
It is a beauty of things imperfect, impermanent, and incomplete.
It is a beauty of things modest and humble. It is a beauty
of things unconventional.
[Leonard Koren: Wabi-Sabi for Artists, Designers, Poets & Philosophers]
 

Eine Antwort

  1. […] es uns führt – eine Gestaltung27.6.: Die Nachbarn von Schönheit kennenlernen: Teil I: Takt4.7..:  Die Nachbarn von Schönheit kennenlernen: Teil II: Anmut11.7.: Die Nachbarn von Schönheit kennenlernen: Teil III: […]

Deine Gedanken zu diesem Thema