Die Begegnung mit dem Schatten

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Es gibt viele Beispiele von Schattenbegegnung im Märchen – ich mag dieses:

Inanna, die Königin des Himmels und der Erde, spürt ihre Kräfte schwinden. Es ist Zeit, in die Unterwelt hinabzusteigen, fühlt sie, um sich dort zu erneuern.


Ihr Volk, Inannas Volk fleht sie an: Tu es nicht! Verlasse uns nicht!
Denn die Unterwelt, so weiß man, ist ein gefährlicher Ort; viele, die sich dorthin gewagt hatten, so heißt es, kamen nie wieder. Sie wird von Inannas böser Schwester Ereshkigal regiert – der Königin des großen Unterreichs.
Inanna entscheidet sich dennoch zu gehen. Ihre engste Gefährtin sagt: Wenn du in drei Tagen nicht wieder zurück bist, komme ich und hole dich.

Obwohl Inanna die Königin des Himmels und der Erde ist, besteht Ereshkigal darauf, dass sie die Unterwelt genau so betritt wie alle anderen auch – durch die sieben Tore. Bei jedem dieser sieben Tore muss sie an einem Torwächter vorbei und ein Stück ihrer prächtigen Königskleider ablegen. Nackt schließlich und von sieben Torhütern begutachtet kommt sie in der Unterwelt an. 
Ereshkigal benimmt sich wie erwartet: Sie bringt Inanna um und hängt ihre Leiche an einem Haken auf.

Als die drei Tage verstrichen sind, ohne dass Inanna zurückgekehrt ist, beschließt ihre Gefährtin, sie zu retten. Inannas Eltern wollen sich nicht einmischen in die Belange der Unterwelt und verweigern ihr ihre Hilfe – so sucht sie sie bei Enki, dem Gott des Wassers und der Weisheit.
Enki schickt zwei kleine Kreaturen los, die weder männlich noch weiblich sind und beide die Gabe der Einfühlung haben. 
Diese Wesen können auch unbemerkt durch die Tore der Unterwelt schlüpfen und die Speise und das Wasser des Lebens mitnehmen.
Als sie auf Ereshkigal treffen, trauert diese gerade um ihren Gatten. Die beiden Wesen setzen sich zu ihr in ihrer Trauer, und Ereshkigal ist so gerührt von ihrem Mitgefühl und so dankbar dafür – denn noch nie war ihr jemand so begegnet – dass sie ihnen auf ihre Bitte hin Inannas Leiche gibt. Die beiden Wesen beleben Ianannas Körper mit der Speise und dem Wasser des Lebens und Inanna kehrt mit neuen Kräften zurück in ihr Reich.¹

In ihrem Buch “Die Frau, die im Mondlicht aß” spricht die Psychologin Anita Johnston von der Analogie der Schattenschwester mit den verdrängten Anteilen (traumatischen Erlebnissen, Schambehaftetes, nicht Integriertes “der Qual des Verlassenwerdens, der Einsamkeit, der Wertlosigkeit und Unfähigkeit, den unerfüllten Träumen und verpassten Gelegenheiten, dem körperlichen oder emotionalen Missbrauch, dem Verlusst geliebter Menschen, gescheiterten Beziehungen, dem Schmerz, der das Frausein in einer Welt begleitet, die das Weibliche nicht ehrt“) bei Frauen und Mädchen mit Essstörung. Die Kleider, die Inanna bei der Reise ablegen muss, entsprechen den Teilen, die sie der Außenwelt zeigt, die verhinderten, dass ihre Gefühle und Wünsche sich zeigen durften.

“Ereshkigal ist die Bewahrerin unserer dunkelsten, tiefsten Geheimnisse. Sie wird uns von der Scham erzählen, die wir erlitten haben, weil wir nicht gut genug, klug genug oder hübsch genug waren – weil wir sexuelle Wünsche hatten, anders waren oder einfach nur weiblich.”

In Selbstanteilen gedeutet:
Was für eine coole Gefährtin! Das ist die Freundin der Träume – nein, das ist die Freundin, die wir uns selbst sein müssen.
Ich bin gerührt von Ereshkigals Rührung, davon, dass nie zuvor jemand ihre Tränen gesehen hat, davon, dass sich nie zuvor jemand um ihre Gefühle geschert hat. Somit ist Empathie und Mut das, was uns heilt: Der Mut unserer Schattenschwester zu begegnen und zu sagen: Ich sehe dein Leid. Ich spüre dein Leid. Dein Leid ist mein Leid. Du bist ich. Ich umarme dich.
Und überhaupt: Ereshkigal – was ist das für ein starker Name!

¹Summerischer Mythos – nacherzählt nach dem Buch: Die Frau, die im Mondlicht aß – Essstörungen überwinden durch die Weisheit uralter Märchen und Mythen,
Anita Johnston, Knaur, Mens-sana, München 2007.

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